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Samstag, 30. November 2013

Lissabon: Ein Monat in der sonnigsten Hauptstadt Europas

Am Ende haben wir es mit dem langsamen Reisen doch sehr genau genommen und uns einen Monat lang fast überhaupt nicht fortbewegt. Und wir hätten es nicht besser machen können. Ich glaube, ein Monat ist die perfekte Zeitspanne, um die Seele einer Stadt kennen zu lernen, ihren Rhythmus zu erfahren, die Bewohner und ihren Alltag zu verstehen, authentische Gegenden aufzuspüren, die in keinem Stadtführer stehen, und die eigenen Lieblingsorte zu entdecken, die man dann immer wieder besucht. 

Blick über die Stadt von einem der zahllosen "miradouros", Foto: Jorge Rojas 



Fahrstuhl in der Innenstadt mit dem man den anstrengenden Aufstieg in den angesagten Bezirk "Bairro Alto" umgehen
kann; Foto: Jorge

Sonnenuntergang am Tejo-Fluss, Foto: Julia

Wir wurden immer wieder überrascht angeschaut, wenn wir erzählten, dass wir für einen Monat in Lissabon bleiben. "Ach so, und was macht ihr dann hier? Gibt es einen bestimmten Anlass so lange zu bleiben?", waren die typischen Fragen. Dabei lohnt sich ein längerer Aufenthalt in einer Stadt viel mehr, als mehrere Kurztrips pro Jahr zu unternehmen. Dann sieht man zwar scheinbar mehr von der Welt, besucht aber keinen dieser Orte wirklich. Außerdem ist es meist günstiger länger in einer Stadt zu bleiben. Zum Beispiel bei der Unterkunft kann man sparen. In einem Monat kann man leicht ein WG-Zimmer mieten. Zumindest in Lissabon gibt es ein riesiges Angebot, das zwar vor allem auf Erasmus-Studenten abzielt, aber mit ein bisschen Glück und findet man auch als Reisender ein Zimmer für einen Monat. Außerhalb des Zentrums beginnen die Preise bei 180 Euro für einen ganzen Monat. Im Zentrum kosten die Zimmer ein wenig mehr, etwa ab 250 Euro. 

Wir haben relativ leicht und unkompliziert ein Zimmer übers Internet auch ohne großartige Portugiesisch-Kenntnisse gefunden. Wir bezahlen 300 Euro pro Monat, weil wir zu zweit sind. Für eine Person hätte das Zimmer 250€ gekostet. Die Wohnung befindet sich in Graça, einem recht zentralen, wunderschönen, typischen Lissabonner Bezirk. Das gleiche Geld gibt man locker in einer Woche in einem mehr oder weniger guten Hotel aus. In dem Preis sind alle Nebenkosten enthalten und es gibt sogar eine Putzfrau, die einmal die Woche kommt, Bad und Küche putzt und sogar unser Bett frisch bezieht. Keine Ahnung, ob das portugiesischer Standard ist, aber ich bin auf jeden Fall sehr dankbar für diesen unerwarteten, praktischen Service. Die Wohnung hat drei Zimmer und die erste Woche waren wir ganz allein dort. In der zweiten Woche kam Marija aus Kroatien, die ein Praktikum in Lissabon macht. Seitdem leben wir immer noch sehr komfortabel in der Drei-Zimmer-Wohnung. Und vor allem sehr viel authentischer als in jedem Hotel in einem typischen Lissaboner Wohnviertel abseits der Touristengegenden. Noch besser wäre es natürlich mit Portugiesen zusammen zu leben, aber auch das kann man leicht finden, wenn man etwas Mühe und Geduld in die Suche investiert. 

Blick aus unser Wohnung, Foto: Jorge

Blick aus unserer Wohnung II, Foto: Jorge

Das Monatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel ist in Lissabon mit 35€ pro Monat überraschend günstig. Das gilt nicht für die Einzelfahrten bzw. Tagestickets, die entsprechen mit 1,80€ und 5,50€ eher dem westeuropäischen Standard. Wir haben uns aber sogar das Monatsticket gespart und sind stattdessen überall hin gelaufen. Dafür haben wir ungleich mehr von der Stadt gesehen. Wir sind unzählige der schmalen, verwinkelten Gassen entlang geschlendert, in denen die frisch gewaschene Wäsche an Leinen vom Himmel baumelt. Wir haben immer wieder neue, versteckte, niedliche Parks und gemütliche Cafés entdeckt und frische Blicke auf die Stadt und den mächtigen Tejo Fluss von den unzähligen "miradouros", den Aussichtspunkten, erlebt. Nach zwei Wochen schmerzten uns allerdings die Beine ein wenig, so dass wir uns von da an ab und zu eine Fahrt mit dem Bus oder den niedlichen kleinen Straßenbahnen, die die teilweise sehr steilen Hügel der Stadt problemlos erklimmen und sich elegant durch die engen Gassen schlängeln, gönnten. Wenn man dabei auch noch Geld sparen möchte, guckt man sich einfach die Tricks der Lissabonner ab. Die hängen sich zum Beispiel von außen an die Straßenbahn dran. Gut, das machen hauptsächlich männliche Jugendliche. Keine Ahnung, ob des Spaßes wegen oder um das Ticket zu sparen. In der Metro kann man sich einfach dicht hinter eine Person stellen und dann schnell mit durchlaufen, wenn diese ihr Ticket löst und sich die Schranken öffnen. Funktioniert. Ich habe schon einige Leute mit meinem Ticket „mitgenommen“.


Die Linie 28 fährt durch die wunderschönen und sehr unterschiedlichen Stadtteile Graça, Alfama, Baixa und Lapa und eignet sich wunderbar für eine günstige Sightseeing-Tour, Foto: Jorge



In Lissabon gibt es unzählige Aussichtspunkte. Das ist der "miradour" in unserem Bezirk Graça mit sehr nettem Café, Foto: Jore  

Zu Fuß in Lissabon unterwegs zu sein bedeutet auch, ständig jede Menge teilweise ziemlich steile Hügel auf und ab zu laufen. Und wir wohnen natürlich auch noch auf einem hohen Hügel. Die Aussicht auf den Tejo Fluss von unserer Wohnung aus ist super, aber ein bisschen Kondition braucht man hier schon. Oft genug wachen wir am Morgen mit Muskelkater in den Beinen auf. Andererseits ist das ein super Ausgleich zu den Unmengen an süßem Gebäck, dass hier an jeder Ecke feilgeboten wird. Portugal ist wirklich das Land der Desserts und Süßspeisen. Ich habe noch nie eine solche Dichte an Bäckereien erlebt, die ihre unglaublich Vielfalt an Torten und Leckereien auch noch unübersehbar im Schaufenster ausstellen müssen. 

In den ersten Tagen aßen wir beinahe täglich ein Pastel de Nata - das typischste und leckerste portugiesische Gebäck - ein kleines Blätterteigtörtchen gefüllt mit Pudding. Dafür sind wir bisher allein dreimal nach Belém gefahren, einen ziemlich abgelegen, aber sehr schönen Bezirk mit vielen Sehenswürdigkeiten im Westen Lissabons. Hier wurden die begehrten Törtchen schon im 18. Jahrhundert von den Mönchen und Nonnen des imposanten, ebenfalls sehr sehenswerten Hieronymus-Klosters hergestellt. In Belém gibt es immer noch eine traditionelle, äußerst beliebte Bäckerei, die Fábrica dos Pastéis de Nata, die die Törtchen seit 1837 nach altem, streng geheimem und gut behütetem Rezept herstellt. Leider ist diese Pastelaria sowohl bei Einheimischen als auch Touristen äußerst beliebt, sodass die Menschen gewöhnlich bis weit auf die Straße Schlange stehen. Drinnen findet man dann eine weitere Riesenschlange von Menschen, die auf einen Tisch warten. Es gibt einen extra Bereich für die Wartenden, obwohl das Lokal wirklich riesig ist und 404 Sitzplätze hat. Da das Lokal ziemlich verwinkelt ist und über mehrere Räume verfügt, kann man aber auch einfach ein wenig durch das Café laufen und hoffen, dass irgendwo gerade jemand aufsteht und sich dann schnell hinsetzen. Das ist zwar nicht gerade fair den Menschen gegenüber, die in der Schlange im Nebenzimmer warten, aber bei dem Geruch von Zimt und warmen Puddinggebäck in der Nase fällt es mir persönlich schwer, genug Geduld aufzubringen, um mich in der Schlange anzustellen. 

Süßes im Schaufenster, Foto: Jorge

Pasteis de Nata i n Belém, Foto: Jorge 

Die Pastelaria "Fábrica dos Pasteis de Belém" an einem überraschend ruhigem Freitag-Nachmittag, Foto: Julia


Mosteiro dos Jerónimos, das Hieronymus-Kloster in Belém, Foto: Julia

Ein weiterer Vorteil an einem einmonatigen Besuch ist, dass man genug Zeit hat ein wenig von der Sprache zu lernen. So konnten wir hier sogar einen Portugiesischkurs belegen. Es hat zwar bestimmt eine Woche gedauert etwas Passendes zu finden, aber das lag allein daran, dass wir nicht zu viel Geld ausgeben wollten. Wenn man da weniger knausert, geht es wahrscheinlich schneller. Wir haben letztendlichen einen passenden Kurs im Kulturzentrum inMouraria, einem der traditionellsten und zentralsten Lissabonner Bezirke, gefunden. Wir hatten zweimal die Woche je zwei Stunden Unterricht, was leider nicht besonders viel ist, wenn man die Sprache wirklich lernen will. Der Kurs geht über drei Monate und wir konnten zum Glück auch noch ein Monat nach Beginn des Kurses einsteigen. Das war für uns ok, da wir Spanisch sprechen und so schon relativ viel verstehen konnten. Eigentlich sollte der Kurs 35 Euro pro Monat kosten, aber als unsere Lehrerein hörte, dass wir keinen Job haben meinte sie ganz selbstverständlich: „Also wer keine Arbeit hat, braucht bei uns auch nichts zu bezahlen.“ Gute Einstellung, sollte öfter so gehandhabt werden!

Überhaupt gibt es in Lissabon, wie wahrscheinlich in den meisten größeren europäischen Städten, zahlreiche kostenlose Kulturangebote. Bei einem abendlichen Spaziergang durch die Stadt entdeckten wir zum Beispiel ein tolles zweiwöchiges kostenloses Filmfestival, bei dem wirklich gute Filme aus aller Welt gezeigt wurden. Die erste Woche hatten wir leider verpasst, aber die darauffolgende Woche waren wir dann jeden Abend im Kino. Auf Facebook gibt es eine sehr praktische Seite, die regelmäßig über kostenlose, kulturelle Events in Lissabon informiert und außerdem auch eine Monatsübersicht über alle kostenlosen Veranstaltungen erstellt. Das Angebot ist so groß, dass man locker einen ganzen Monat damit verbringen kann, kostenlose Ausstellungen, Filme, Galerien, Museen, Konzerte etc. zu besuchen. Einfach Fan der Seite Cultura Grátis em Lisboa werden und sich informieren lassen.

Seit fünf Jahren gibt es im November außerdem das Festival imigrARTE, ein kostenloses Event, das von Immigranten und entsprechenden Vereinen organisiert wird. Am dritten Novemberwochenende gab es zahlreiche kostenlose Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen an einem zentralen Veranstaltungsort in Lissabon. Außerdem bereiten die Immigranten-Communities traditionelle Gerichte aus ihren Herkunftsländern zu und verkaufen sie für wenig Geld auf dem Festival. Portugal soll das Land in Europa sein, das seine Immigranten am besten in die Gesellschaft integriert. Zumindest habe ich das im spanischen Radio gehört, kurz bevor wir nach Portugal fuhren. Nach meinem einmonatigen Aufenthalt hat sich dieser Eindruck auf jeden Fall bestätigt. Lissabon ist wie die meisten westeuropäischen Großstädte ein bunter Mix der unterschiedlichsten Kulturen. Es gibt vor allem viele Menschen aus den ehemaligen portugiesischen Kolonien wie Mozambique, Angola  und Brasilien, aber auch zahlreiche Osteuropäer und Asiaten, die sich hier dauerhaft niedergelassen haben. Diese leben aber nicht alle zusammen in einem Bezirk und bilden eine Art Parallelgesellschaft, wie das zum Beispiel in Berlin und anderen europäischen Großstädten der Fall ist, sondern scheinen wirklich mit der einheimischen Gesellschaft zusammen zu leben.

Unsere Zeit in Lissabon neigt sich nun dem Ende zu. Morgen fahren wir mit dem Schiff nach Recife, Brasilien, und freuen uns schon sehr auf die tropischen Temperaturen. Auch in der sonnigsten Hauptstadt Europas wurde es ab Mitte November ein wenig kühl. Es schien zwar während des gesamten Monats die Sonne, was unglaublich schön und unerwartet war. Ich hatte im November schon mit ein paar verregneten, grauen Tagen gerechnet, aber das gab es hier absolut nicht. Nur zu Beginn hat es einmal geregnet, aber das war so ein feiner Nieselregen, dass man ihn kaum wahrgenommen hat.

Sunny Lisboa im November, Foto: Jorge


Das Problem sind eher die schwachen oder in den meisten Fällen nicht vorhandenen Heizungen. Das wird bei um die 7 Grad nachts und ca. 12-13 Grad tagsüber, die wir momentan haben, doch manchmal etwas ungemütlich. Und es ist erst November. Keine Ahnung wie es im Winter ist. In Lissabon ist es gang und gäbe, dass die Wohnungen keine Heizung haben. Wir haben sogar das große Glück eine in unserem Zimmer zu haben, aber die ist so mickrig und schwach, dass sie kaum einen spürbaren Effekt erzielt. An allen Ecken in Lissabon werden deshalb diese kleinen elektrischen Heizkörper verkauft, vielleicht helfen die ja ein wenig. Aber so richtig gemütlich stelle ich es mir im Winter trotzdem nicht vor. Auch die Cafés, Restaurants und Bars sind meist nicht geheizt, so dass man an kühlen Abenden auch dort nicht hineinflüchten kann. So richtig ist mir das aber erst aufgefallen als wir Mitte November einen Trip nach Coimbra machten, eine sehr schöne kleine Studentenstadt ca. 200km nördlich von Lissabon. Da war es nochmal um einiges kälter, so um die 5-6 Grad am Abend. Da waren die unbeheizten Bars und Cafés wirklich ärgerlich. Umso schöner war es dann nach Lissabon zurückzukehren. Hier ist doch spürbar wärmer als im Norden des Landes.

Der Winter stelle ich mir trotzdem etwas ungemütlich vor. Die beste Zeit, um Lissabon zu besuchen ist daher wahrscheinlich entweder im Frühjahr von März bis Mai oder September bis Oktober. Der Vorteil im November war allerdings, dass auch deutlich weniger Touristen unterwegs waren.

Ausflug nach Coimbra, eine der ältesten Studentenstädte Europas, Foto: Jorge

Coimbra vom anderen Ufer des Mondego, Foto: Jorge


Im botanischen Garten in Coimbra, Foto: Jorge

Park in Coimbra, Foto: Jorge


Morgen beginnt also der nächste Teil unserer Reise. Wir werden mit einem Kreuzfahrtschiff nach Brasilien fahren. Eigentlich ist das überhaupt nicht meine Art zu reisen, da ich sonst eher mit dem Rucksack auf dem Rücken unterwegs bin, gerne trampe und bei Couchsurfern übernachte. Aber man muss auch mal was Neues ausprobieren und im schlimmsten Fall weiß man danach, warum man diese Art des Reisens kritisiert. Ursprünglich wollten wir mit dem Segelboot den Ozean überqueren, aber sind dann doch aufgrund mangelnder Segelerfahrungen und anderer Überlegungen davon abgekommen. Für die Zukunft kann ich mir das aber auf jeden Fall nochmal vorstellen. Aber vielleicht ist es gut, den Ozean erstmal in etwas komfortablerer Weise zu überqueren, um herauszufinden, ob das überhaupt etwas für einen ist.

Für die Atlantiküberquerung gibt es unglaublich günstige Angebote der Kreuzfahrtgesellschaften. Das liegt wahrscheinlich daran, dass nicht besonders viele Menschen daran interessiert sind mit dem Schiff  nach Amerika zu fahren. Man ist eben neun Tage nur auf dem Ozean unterwegs, hält nirgendwo an, macht keine Ausflüge und sieht nur das Meer. Fliegen ist eben viel schneller. Die Schifffahrtsgesellschaften müssen aber ihre Boote über den Ozean bringen, denn in Europa ist die Saison zu Ende und im europäischen Winter werden Touren in der Karibik angeboten. Hier in Lissabon haben wir in den Reisebüros gesehen, dass die Gesellschaft mit der wir fahren ordentlich Werbung für die Reise nach Recife macht. Mittlerweile sind sie nochmal um 100€ mit dem Preis runtergegangen. Es lohnt sich also mit der Buchung bis zum letzten Moment zu warten. Dann wird es sogar billiger als Fliegen und man bekommt außerdem eine 9-tägige Schifffahrt mit Unterkunft, Vollverpflegung, Unterhaltungsprogramm und den ganzen Annehmlichkeiten, die eine Kreuzfahrt so bietet. Was allerdings noch so an zusätzlichen Kosten an Bord auf uns zukommt, wissen wir noch nicht.





Dienstag, 10. September 2013

Road trip von Berlin nach Madrid

Am Mittwoch ging es dann also endlich los. Wir starteten vom Rasthof Grunewald, der sehr gut von der S-Bahnstation Nikolassee zu erreichen ist. Das war immer die Haltestelle, an der ich aussteigen musste, um an den Wannsee zu meinem Segelkurs zu laufen. So schloss sich der Kreis also wieder. Außerdem befindet sich die Raststätte an der Spanischen Allee. Da wusste ich, dass wir hier Glück haben würden.

Erstmal sah es wenig vielversprechend aus, da kaum Autos unterwegs waren und es außerdem noch andere Tramper gab, die die Leute an der Tankstelle direkt ansprachen. Wir stellten uns an die Ausfahrt, Jorge malte in Schönschrift Köln auf ein Stück Pappkarton und ich streckte jedem vorbeifahrendem Wagen den Daumen entgegen. Neben uns warteten ein jüngerer Typ und seine Mutter auf die Mitfahrgelegenheit nach Bielefeld für den Jungen, die sie zuvor über das Internet organisiert hatten. Sie guckten uns ein wenig mitleidig an als wir erzählten, wir wollten per Anhalter nach Köln fahren. Bei den Zehlendorfern würden wir sicher wenig Erfolg haben, meinte die Mutter. Wir könnten froh sein, wenn sie uns nicht mit Eiern bewerfen, bemerkte der Junge. Wir wandten uns etwas genervt ab. Trotzdem waren auch wir aufgrund der wenigen Fahrzeuge etwas skeptisch und dachten schon über Alternativen nach.



Aber nach gar nicht allzu langer Zeit stoppt plötzlich ein kleiner weißer Transporter. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und meint fast entschuldigend bis Köln könne er uns nicht mitnehmen, aber er fahre nach Hannover und könne uns dort absetzen. Das war für uns natürlich ein totaler Glückstreffer, gleich vom ersten Fahrer fast 300km, die Hälfte der geplanten Tagesstrecke, mitgenommen zu werden. Der Junge und seine Mutter, die immer noch auf die Mitfahrgelegenheit für den Jungen warteten, verfolgten mit großen Augen, wie wir unsere Rucksäcke in den leeren Transportraum schmissen und uns auf die zwei Beifahrersitze neben unseren Fahrer schwangen. Vorher fragten sie noch, ob er uns bis nach Köln fahre. Jorge, der die Frage glaube ich nicht richtig verstanden hatte, rief vor dem Einsteigen nach „Ja!“ und schon fuhren wir der Autobahnauffahrt entgegen.

Schon in der S-Bahn auf dem Weg nach Nikolassee fragte ich mich, wer wohl unser erster Fahrer sein würde. In einem Blog von drei Jungs, die ebenfalls nach Südamerika getrampt sind, habe ich nämlich gelesen, dass ihr erster Fahrer von einer Insel im Atlantik war, auf der sie später mit dem Segelboot auch wirklich gehalten haben. Im Rückblick setzen sich oft Puzzleteile zusammen, die vorher völlig zufällig und unzusammenhängend erscheinen.
Unser erster Fahrer war dann auch tatsächlich kein Deutscher. 

Woher kam er also?

Aus Russland. Sibirien. Novosibirsk…

Ich fand das lustig, weil ich eben gerade noch in der S-Bahn über die Geschichte von den drei Jungs nachdachte. Wer weiß wohin uns diese Reise bringen wird. Eine gewisse Russlandaffinität meinerseits kann ich sicherlich nicht abstreiten. Und Jorge findet eh alles toll, was irgendwie mit Kommunismus zu tun hat. Aber jetzt geht es ganz sicher erstmal nach Kolumbien und hoffentlich noch in ein paar andere südamerikanische Länder. Vielleicht Kuba.

Im Auto bat ich unserer sympathischen Fahrer auch gleich doch bitte wieder den russischen Radiosender einzuschalten, den er hektisch abgestellt hatte als wir einstiegen. Und so dudelte uns der vertraute russische Singsang entgegen, den Jorge aus seiner Zeit in Usbekistan kennt und mich ebenfalls an meine Reise nach Belarus, Russland und Usbekistan im letzten Jahr erinnerte. 

Unser Fahrer, der einen typisch russischen Namen hatte und den ich hier einfach Andrej nennen werde, erzählte uns dann auch einiges aus seinem Leben. Nach dem Ende der Sowjetunion kam er gemeinsam mit seiner Frau, einer Russlanddeutschen, nach Berlin. Er erzählte uns mit welchen Jobs er sich seit dem in Deutschland über Wasser gehalten hat. Viele Jahre lang arbeitete er als Lkw-Fahrer, obwohl er diesen Job nicht mochte. Er konnte viel zu wenig Zeit mit seiner Familie verbringen und die Arbeit war schlecht bezahlt. Außerdem wurde er von seinen Vorgesetzten oft dazu gedrängt, die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht einzuhalten. Wurde er dann dabei erwischt, musste er die Strafe selbst bezahlen. Er erzählte uns, dass er viele Jahre als Fahrer für eine Bäckerei arbeitete, von ein Uhr nachts bis neun Uhr morgens. Aber er war froh, nicht mehr am Wochenende arbeiten zu müssen. Als er sich dann eine Wohnung in Hohenschönhausen kaufen wollte, die für 38.000€ zum Verkauf angeboten wurde, wollte ihm die Bank aufgrund seines geringen Gehalts keinen Kredit geben. Zwei Euro mehr müsse er pro Stunde verdienen, sagten sie ihm. Andrej bat bei seinem Arbeitgeber um eine Gehaltserhöhung, die sie ihm nicht geben wollten. So wurde aus der eigenen Wohnung nichts, denn nochmal würde so ein günstiges Angebot nicht kommen, davon ist zumindest Andrej überzeugt. Und mehr als 38.000 Euro könne er sich definitiv nicht leisten. Heute arbeitet er wieder als Fahrer, für eine ukrainische Firma, die Wodka in Deutschland vertreibt. Es tat mir echt leid, dass sich so ein sympathischer, hilfsbereiter und gegenüber 'Fremden' so aufgeschlossener Mensch mit solchen merkwürdigen, schlecht bezahlten Jobs durchschlagen muss. Aber irgendwie schien er auch nicht viel mehr vom Leben zu erwarten.


Nach einer bewegten Fahrt ließ uns Andrej dann an einer Raststätte kurz vor Hannover heraus. Da machten wir erstmal eine ausgiebige Mittagspause und aßen unsere mitgebrachten Brote an einem der Picknicktische. Danach stellten wir uns wieder an die Ausfahrt. Ich habe keine Ahnung mehr wie lange wir warteten, aber im Nachhinein erscheint es mir sehr kurz. Kaum standen wir dort fuhr auch schon ein roter Audi A2 langsam auf uns zu, erst wurde er immer langsamer, dann auf einmal wieder schneller, fuhr an uns vorbei, stoppte, fuhr wieder langsam an. Wir wussten nicht so wirklich, was das bedeuten sollte. Aber ich beschloss hinterher zu laufen. Hinter dem Steuer saß ein etwas verwirrter Mittvierziger mit Hipster-Brille und quietsch-grünem T-Shirt und teilte mir mit, er könne sich nicht entscheiden, ob er uns mitnehmen wolle oder nicht. Das war schon so bezeichnend für diesen Schweizer Künstler, der unser zweiter und letzter Fahrer an diesem Tag werden sollte. Er wüsste nicht, ob es genug Platz für unser Gepäck gäbe. Wir könnten es ja einfach mal probieren, wand ich ein. Gesagt, getan, es passte alles ganz gut rein. Kaum saßen wir dann im Wagen, teilte er uns mit, er würde zwar nach Köln fahren, aber er wisse noch nicht, ob er uns wirklich die gesamte Strecke mitnehmen könne. Manchmal brauche er Zeit zum Reflektieren und das könne er beim Autofahren so gut, aber nur wenn er allein ist. Ich beschwichtigte, er könnte uns jederzeit unterwegs an einer Raststätte absetzen, das sei gar kein Problem, wir wären froh über jedes Stück das wir uns fortbewegen. Wie schon erwähnt hatten wir Glück und er hat uns unterwegs nicht mehr rausgeschmissen.


So waren wir also schon am frühen Nachmittag in Köln und beide ganz enthusiastisch, da wir morgens noch keine Ahnung hatten, wo wir eigentlich landen würden. In Köln angekommen liefen wir zuerst zum Dom, bewunderten das imposante Bauwerk von einem schattigen Plätzchen aus und verdrückten unseren restlichen Proviant. Bereits im Auto hatte Jorge zwei Freunde von ihm kontaktiert, die in Köln wohnen. Leider konnte er einen nicht erreichen, aber die andere, Friederike, hatte zum Glück Zeit für uns und wir konnten sogar bei ihr übernachten. Auf einmal hatten wir also auch noch eine Unterkunft in Köln. Wir verbrachten den Rest des Nachmittags am Rheinufer, wo wir abends auch Friederike trafen. Später kochten wir gemeinsam in Friederikes Wohnung und gingen früh schlafen, da wir ziemlich geschafft waren von diesem faszinierenden ersten Tag. Ich glaube es ist ein gutes Zeichen für unsere Reise, dass wir so einen guten Start hatten.






Am nächsten Tag ging es sehr viel langsamer voran. Wir brauchten eine Weile, um zu der Tankstelle zu gelangen, von der aus wir starteten. Im Internet kann man sich für jede größere Stadt geeignete Abfahrtsorte für das trampen raussuchen. Auf der Webseite Hitchwiki zum Beispiel findet man Informationen über günstige Startpunkte und wie diese mit öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. zu Fuß zu erreichen sind.

Die Tankstelle zu der wir fuhren, befand sich kurz vor der Autobahnauffahrt. Eigentlich keine schlechter Standpunkt, nur hielten dort sehr wenige Autos. Und an die Straße konnten wir uns nicht stellen, da die Autos dort keine Haltemöglichkeit hatten. Gleich am Anfang hielten zwar drei Autos, aber niemand fuhr in unsere Richtung. Wieder gab es zwei andere Tramper, die an der Tankstelle die Leute direkt ansprachen. Auch sie hatten keinen Erfolg. Es vergingen bestimmt 1,5 Stunden bis die anderen beiden eine Mitfahrgelegenheit fanden. Da fassten wir auch wieder Mut. Ich probierte es dann auch damit, die Leute direkt anzusprechen. Alle waren sehr freundlich und aufgeschlossen mir gegenüber, nur fuhr tatsächlich niemand in unsere Richtung. Nach eine Weile stellte ich mich wieder zu Jorge, der mit seinem Aachen-Schild immer noch an der Ausfahrt stand und es vergingen keine zwei Minuten, da hielt plötzlich ein junger Mann in Bundeswehruniform.

Phillip war vor kurzem selbst in Malaysia per Anhalter unterwegs und freute sich nun sichtlich, selbst Leute mitnehmen zu können. Oft wurden wir von Menschen mitgenommen, die selbst schon per Anhalter gefahren sind. Als ich neben Phillip saß, erinnerte ich mich daran, wie ich in diesem Blog schrieb, dass man durchs Trampen oft mit Leuten in Kontakt kommt, die man sonst nicht kennenlernen würde. Nun saß ich also neben einem Bundeswehrsoldaten. Und irgendwann erzählt er uns tatsächlich aus seiner Zeit in Afghanistan und wie einmal unter einem Auto, das direkt vor ihm fuhr, eine Bombe explodierte. Der Wagen war gepanzert, so dass die Insassen mit einer Gehirnerschütterung und wahrscheinlich einem ordentlichen Schock davon kamen. Er erzählte uns, welchem enormen Stress die Soldaten in Afghanistan ausgesetzt sind und dass er selbst Glück gehabt habe, nur vier Monate dort zu sein. Außerdem teilte er uns noch mit, wie sehr ihm die Antikriegshaltung vieler Deutscher zu schaffen mache. Diese „aggressiven Pazifisten“, wie Phillip sie nennt, gäben ihm ständig zu verstehen, er sei ein schlechter Mensch. Er habe kaum noch Freunde außerhalb der Bundeswehr, da sich viele aufgrund seines Berufes abgewandt hätten. „Wenn man nach vier Monaten äußerster Belastung und Ausnahmezustand aus Afghanistan zurückkehrt und am Flughafen als erstes die ‚Soldaten sind Mörder‘ Schilder sieht, dann kann einen das richtig fertig machen“, erzählte uns Phillip. Das führe dann dazu, dass sich die Soldaten immer mehr in ihren eigenen Kreis zurückzögen und mit dem Außen kaum noch etwas zu tun haben wollen. Auch wenn ich sicherlich nicht mit allem einverstanden war, was Phillip uns etwas erregt während unserer einstündigen Fahrt erzählte, war es interessant sich seine Perspektive anzuhören.

Phillip war dann sogar so nett, uns noch ein Stück weiter direkt bis an die belgische Grenze zu fahren. Dort machten wir wieder unsere ausgiebige Mittagspause und liefen dann rüber nach Belgien. Wir stellten uns selbstbewusst mit einem Paris-Schild an die Ausfahrt. Aber es waren wieder mal sehr wenig Autos unterwegs und außerdem war es an diesem Tag richtig heiß, so dass uns auch die Sonne zu schaffen machte. Bald änderten wir unser Schild in Mons, eine kleine belgische Stadt kurz vor der französischen Grenze. Damit hätten wir vielleicht mehr Erfolg, dachten wir. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kam dann ein riesiger Lkw neben uns zum Halten. Wir kapierten erst nicht, dass dieses Riesenfahrzeug tatsächlich stoppt, da sonst nie Lkws halten. Anscheinend wird es den Fahrern von ihren Firmen verboten, Anhalter mitzunehmen. Na ja man muss ja nicht immer auf alles hören, was der Chef sagt.

Der freundliche Mensch, der nun neben uns hielt, winkte uns zu sich hoch. Unsere Rucksäcke durften wir auf sein Bett, das sich direkt hinter dem Fahrer- und Beifahrersitz befand, schmeißen. Ich setzte mich aufs Bett und Jorge auf den einzigen Beifahrersitz. Und dann glitten wir mit den gleichmäßigen 80km/h über die belgische Autobahn. Ich fand dieses Tempo richtig angenehm, da man die Umgebung viel besser wahrnehmen kann, wenn nicht alles so an einem vorbei rast.

Unser Fahrer hieß Göksel, war Türke und auf dem Weg nach England. Er fuhr über Brüssel und hätte uns auf unserer eigentlichen Strecke, die auf dem direkten Weg nach Paris führte, nur ein kleines Stück mitnehmen können. Da wir uns beide so wohl in Göksels Fahrzeug fühlten hatten wir aber wenig Lust gleich wieder auszusteigen. Also beschlossen wir kurzerhand nach Brüssel zu fahren und dort die Nacht zu verbringen. Göksel sprach ein wenig Englisch und so erzählte er uns, dass er mit seinem Lkw zwischen Italien und Großbritannien hin und her fahre. Er bot uns auch gleich eine Mitfahrgelegenheit für den Rückweg an. Als wir dankend ablehnen mussten, schien Göksel etwas enttäuscht. Ich glaube, er hat sich wirklich über unsere Gesellschaft gefreut. Er lud uns dann noch auf eine Fahrt nach Schottland ein, da er meinte das sei das schönste Land auf seiner Strecke und wir müssten unbedingt mal dorthin fahren. Wir haben dann Telefonnummern ausgetauscht. Wer weiß, vielleicht fahren wir irgendwann nochmal mit Göksel nach Schottland.


Ein weiterer Grund, warum wir beschlossen nach Brüssel zu fahren war, dass Jorge auch dort eine Bekannte hat. Schon aus dem Auto heraus kontaktierte er Florence und verabredete einen Treffpunkt für den Abend. Als sie am Telefon hörte, dass wir noch keine Unterkunft haben, lud sie uns auch direkt zu sich nach Hause ein. So hatten wir wieder spontan eine Unterkunft für die Nacht gefunden. In Brüssel angekommen schlossen wir unsere Rucksäcke in die Schließfächer am Bahnhof ein, liefen ein wenig durch die Stadt und picknickten im Park. Am Abend trafen wir Florence. Wir verbrachten den Abend bei ihr zuhause mit ihrem Mann und dem 17-monatigen Baby.


Am nächsten Tag brachen wir relativ spät auf, da Florence frei hatte und wir ausgiebig auf dem Balkon frühstückten. Zum Glück fuhr uns Florence dann aber zur ersten Tankstelle auf der Autobahn Richtung Paris. So standen wir um 11 Uhr dort und mussten keine 10 Minuten warten bis das erste Auto stoppte. Ein ganz lieber Pakistaner, der seit 15 Jahren in Brüssel lebt und auf dem Weg nach Mons, kurz vor der französischen Grenze, war wurde unser erster Fahrer an diesem Tag. Er hatte den Laderaum voller Klamotten, die er auf einen Markt in Mons zum Verkauf anbieten wollte. Wir konnten unsere Rucksäcke gerade noch mit reinquetschen und schon ging es los.

An der Raststätte kurz vor Mons, an der uns unser pakistanischer Fahrer raus ließ, sahen wir gleich einen deutschen Reisebus. Wir erfuhren, dass sie auf dem Weg nach Paris waren, aber leider wollten sie und nicht mitnehmen. Also stellten wir uns wieder an die Ausfahrt und warteten. Ich glaube es vergingen wieder weniger als 10 Minuten bis ein schwarzer Alfa Romeo Coupé hielt, in dem zwei Jungs saßen, die nicht viel älter als 20 waren. Sie fahren nach Paris und würden uns gern mitnehmen. Juhuuuuuuu! Das war mal wieder ein Glückstreffer oder wie man in Australien sagen würde: „Too easy!“ Der dritte Tag machte dem ersten Tag in seiner Leichtigkeit Konkurrenz. Im Auto beschlossen wir auch ziemlich schnell in Paris zu bleiben, da – Überraschung – Jorge auch in Paris zwei Mädels kennt, die er gern treffen wollte, „para saludarlas“, um mal Hallo zu sagen, wie Jorge das dann ausdrückt. Das konnte ich ihm nicht ausschlagen, obwohl ich an dem Tag gern noch weiter gekommen wäre als bis Paris. Und anderseits hatten wir auf diese Weise auch für die dritte Nacht eine Übernachtungsmöglichkeit.



Unsere beiden belgisch-flämischen Fahrer sprachen perfekt Englisch und erzählten uns einiges über den Nonsens der belgischen Politik und den Konflikt zwischen der flämischen und walisischen Bevölkerung dieses kleinen Landes erfahren. Alles lief super bis wir uns der riesigen Agglomeration Paris nährten. Hier gerieten wir in einen schier endlosen Stau, der sich wie Kaugummi hinzog. Ich habe nicht auf die Uhr geguckt, aber wir standen bestimmt zwei Stunden kurz vor Paris. Das war natürlich ärgerlich für uns, da uns zwei Stunden unseres Pariser Nachmittags verloren gingen. Aber auf solche Dinge hat man eben keinen Einfluss.

Endlich in Paris angekommen, suchten wir zuerst ein kleines Café mit Wifi auf, aßen eine Kleinigkeit und kontaktierten Jorges Freundinnen über Skype. Leider waren die beiden schon völlig verplant, schließlich war es auch ein Freitag. Aber glücklicherweise konnten wir uns noch mit Julie treffen und bei ihr auch übernachten. Sie hatte an diesem Abend zwar nur kurz Zeit für uns, da sie noch auf eine Party ging und erst am nächsten Morgen wieder kam. Dafür verabredeten wir uns für den nächsten Tag zum Brunch, zu dem auch Jorges andere Pariser Bekannte, Carine, kam. So war klar, dass wir nicht vor dem frühen Nachmittag aus Paris rauskommen würden, aber da Jorge ja auch gekommen war, um seine Freunde zu treffen, wollten wir den Brunch nicht absagen. Als ich dann nach dem Brunch die möglichen Abfahrtorte auf Hitchwiki checkte, war klar, dass es ziemlich schwierig werden würde aus Paris rauszukommen. Wir hätten mit der Regionalbahn fahren und dann meist noch ein paar Kilometer laufen müssen. Das ist an sich kein Problem, aber wir hätten bestimmt zwei Stunden gebraucht, um überhaupt dorthin zu kommen. Eigentlich wollten wir an diesem Tag noch bis Bordeaux kommen, das wäre auf diese Weise kaum möglich gewesen. Und das Trampen macht wirklich keinen Spaß, wenn man unter Zeitdruck steht. Und den habe ich aufgrund des Meditations-Retreats, das ich wirklich gern besuchen möchte, leider. So ist mir im ersten Abschnitt unserer Reise das langsame Reisen noch nicht wirklich gelungen. Aber ich mochte die Spontanität der ersten Tage, einfach nach Köln, Brüssel und Paris zu fahren, obwohl das gar nicht geplant war, das war schon toll. Ich hoffe nur, wir haben unsere Gastgeberinnen nicht zu sehr überrumpelt.

Auf jeden Fall wäre es aber schöner gewesen, mehr Zeit an den jeweiligen Orten zu verbringen. Es war mein erstes Mal in Brüssel und ich hätte gern ein bisschen mehr von der Stadt gesehen. Auch in Paris hätte ich gern mehr Zeit verbracht. Und von Paris nach Bordeaux sind wir letztendlich mit der Mitfahrgelegenheit gefahren. Lieber wäre ich getrampt. Aber so war sicher, dass wir es noch am selben Tag nach Bordeaux schaffen. Und wir hatten noch ein paar Stunden vor der Abfahrt um 17.30, um Paris zu erkunden. Die Standard-Sehenswürdigkeiten haben wir zwar nicht besichtigt, aber wir sind dafür ein bisschen durch den Bezirk im Norden Paris‘, in dem wir übernachtet haben, geschlendert. Dabei entdeckten wir den tollen Park Belleville mit einem Wahnsinnsblick über Paris.




Um 17.30 Uhr ging es dann also mit der Mitfahrgelegenheit, die wir bzw. unsere Gastgeber über das Internet organisiert haben, auf nach Bordeaux wo wir 22.30 Uhr ankamen. Die Leute setzten uns freundlicherweise am Campingplatz ab, der sonst schwer für uns zu erreichen gewesen wäre. Viel mehr ist über die Personen, mit denen wir gefahren sind aber auch nicht zu erzählen. Wir haben uns kaum mit ihnen unterhalten. Sie zeigten wenig Interesse uns gegenüber. Und auch ich muss gestehen, dass ich ganz froh war meinen Computer ohne schlechtes Gewissen rausholen zu können und die Zeit zu nutzen, um diesen Blogeintrag zu schreiben. Sicher war ich in diesem Moment froh über diese Möglichkeit, aber trotzdem merkte ich daran sehr deutlich, wie Geld unsere Beziehungen zueinander verändert. Dadurch, dass wir für die Fahrt bezahlt hatten, waren wir für den Fahrer einfach ein Mittel zum Zweck. Er konnte seine Benzinkosten reduzieren oder, bei dem Preis den wir dafür zahlten, vielleicht sogar ganz abdecken. Er tat uns dafür den Gefallen, uns bis nach Bordeaux mitzunehmen. Damit war die Sache erledigt. Darüber hinaus musste sich niemand die Mühe machen, sich mit dem anderen zu beschäftigen, sich auf ihn einzulassen und kennenlernen zu wollen. Beim Trampen trifft man sich auf einer ganz anderen, viel menschlicheren Ebene. Das wäre mit diesen Leuten vielleicht auch möglich gewesen, aber wie gesagt war ich ja auch froh, die Zeit produktiv zu nutzen und mir mal keine Mühe geben zu müssen, die anderen kennenzulernen. Das habe ich mir aber nur ‚erlaubt‘, weil wir für die Fahrt bezahlt haben.

Am nächsten Tag entschieden wir spontan, mal nicht gleich weiter zu fahren, sondern den ganzen Tag in Bordeaux zu verbringen und erst am Montag aufzubrechen. Die Zeit war ohnehin knapp und ich vertraute einfach darauf, dass ich es irgendwie bis Dienstag nach Madrid schaffen würde, wenn nötig mit dem Bus. Das war auf jeden Fall eine gute Entscheidung, auch wenn wir die erste Hälfte des Tages auf dem Campingplatz vertrödelten, da wir auch noch unsere Wäsche waschen wollten. Der Nachmittag in Bordeaux hat sich aber auf jeden Fall gelohnt. Wir haben die schöne Altstadt besichtigt, eine tolle kostenlose Kunstausstellung entdeckt und den unterschiedlichsten Musikern entlang des Flussufers gelauscht. Da waren wirklich talentierte Menschen dabei. Außerdem gab es ein kleines Salsa-Event am Flussufer. Es war also sehr viel los, wir hatten wohl Glück an einem Sonntag dort zu sein.  




Am nächsten Tag sind wir dann blitzschnell ins Baskenland gekommen. Mit nur zwei Fahrern und jedes Mal weniger als 10 Minuten Wartezeit haben wir es bis zum Mittag ins 240 km entfernte Bayonne, kurz vor Biarritz, geschafft. Das ist eine hübsche kleine Stadt im Baskenland. Wir ließen uns bestimmt zwei Stunden Zeit, um die Stadt zu besichtigen und Mittag zu essen. Danach stellten wir uns an die Straße, die nach Biarritz und San Sebastian führte. Obwohl wir einen wirklich guten Platz gefunden hatten, an dem die Autos sehr gut halten konnten und außerdem sehr viel Verkehr war, dauerte es eine Weile bis die erste Fahrerin hielt. Daran merkten wir schon, dass die Fahrt per Anhalter nun schwerfälliger sein würde. Wir näherten uns der spanischen Grenze. Die Frau konnte uns leider nur ein kleines Stück mitnehmen. An der nächsten Stelle war es dann dasselbe: Super Spot, viel Verkehr, aber es dauerte eine Weile bis jemand hielt. Wieder fuhr er aber nur ein paar Dörfer weiter und so kleckerten wir über die baskischen Dörfer. Auf diese Weise haben wir aber sehr viel vom französischen Baskenland gesehen. Für mich war es das erste Mal in dieser wunderschönen, pittoresken Region. Die Straßen schlängeln sich durch die traumhaft grüne, bergige Landschaft und bieten teilweise atemberaubende Ausblicke auf das in der Sonne silber-blau funkelnde Meer. So bin ich echt dankbar für das langsame Vorankommen an diesem Tag, das einen unvergesslichen Eindruck von dieser Region bei uns hinterließ. Unser zweiter Fahrer ließ uns auch direkt am Strand in einem kleinen Ort raus und so ließen wir es uns nicht nehmen, noch ein Stündchen am Strand zu verbringen und unsere Füße im kühlen Atlantik zu erfrischen.



Unser nächster Fahrer fuhr uns dann über die Grenze und so erreichten wir endlich Spanien. Da es schon ziemlich spät war, beschlossen wir den Zug nach San Sebastian zu nehmen. Dort kauften wir ein Ticket für den Nachtbus nach Madrid, da wir es anders nicht mehr schaffen würden und nachts auch nicht trampen wollten. Dafür hatten wir nun noch einen ganzen Abend in San Sebastian bevor unser Bus um 00.30 Uhr abfahren würde. Wir setzten uns in ein Café, Jorge machte sich – von der Last des Rucksacks befreit – auf, die Stadt zu erkunden und ich, die ich vor vier Jahren schonmal dort war, blieb im Café, um weiter an diesem Blogeintrag zu schreiben. Anschließend aßen wir dann noch in einem Restaurant. Da es im Baskenland das beste Essen in ganz Spanien gibt, wollten wir uns diese Chance nicht nehmen lassen. Bevor der Bus abfuhr schlenderten wir noch gemeinsam ein wenig durch die wunderbare laue Sommernacht. Am nächsten Morgen um 07.30 Uhr kamen wir dann sogar ziemlich ausgeschlafen in Madrid an, da wir beide fast die ganze Fahrt durchgeschlafen haben. Wir frühstückten in einem Café und hatten dann noch knapp drei Stunden, um durch Madrid zu laufen, bevor mein Bus um 11 Uhr nach Candeleda abfuhr, wo ich an dem Meditations-Retreat teilnehmen werde. 

Wären wir direkt nach Madrid geflogen, wie ursprünglich mal geplant war, hätten wir das alles nicht erlebt, all die wunderbaren Menschen nicht getroffen, wir hätten Jorges Freunde nicht besucht und die zahlreichen zauberhaften Orte nicht gesehen. Dazu gehört vor allem der französische Teil des Baskenlands, aber auch Bordeaux und Brüssel, wo ich zum ersten Mal war. Sicherlich war es ein Wehmutstropfen, nicht mehr Zeit an den Orten verbringen zu können. Daran zeigt sich, dass man nicht langsam genug reisen kann. Schöner wäre es gewesen keinen Termin zu haben, an dem wir in Madrid sein müssen. Einfach dort zu bleiben, wo es uns gefällt, so lange wir Lust dazu haben. Einfach spontan Orte zu besuchen, zu denen unsere Fahrer und, wenn auch seltener, Fahrerinnen unterwegs sind. Aber während des ersten Teils unserer Reise sollte es leider nicht so sein. Wir haben trotzdem jede Menge erlebt und die Reise sehr genossen.


Nun sitze ich im Bus, schreibe diesen Eintrag zu Ende und hoffe, dass ich in dem kleinen Ort noch Internet finden werde, um ihn online zu stellen. Danach werde ich zehn Tage lang keinen Kontakt zur Außenwelt haben. Nicht mal mit den anderen Kursteilnehmern werde ich mich unterhalten können, darf kein Telefon oder Computer benutzen, keine Bücher lesen oder mich sonst irgendwie ablenken. Wir werden jeden Tag um 4 Uhr früh aufstehen und zehn Stunden meditieren. Nicht am Stück, sondern mit Pausen dazwischen. Langsam werde ich mir bewusst, dass das ziemlich hart werden könnte. Aber ich glaube es gibt einen guten Grund dafür, dass ich diesen Kurs unbedingt machen will. Im letzten Jahr sind mir immer wieder Menschen begegnet, die es gemacht haben und mir rieten, es auch zu probieren. Wenn man ständig vom Leben mit der Nase draufgestoßen wird, sollte man sich einfach darauf einlassen. Im nächsten Eintrag schreibe ich dann mehr über die Vipassana-Methode und meine Erfahrung während des 10-tägigen Retreats. 

Dienstag, 3. September 2013

Von Berlin nach Bogotá - The Slow Way

Endlich geht es wieder los! Dieses Jahr steht nach längerer Zeit eine größere, mehrmonatige Reise an. Sie wird mich von meiner Heimatstadt Berlin in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá führen. Das ist zumindest der grobe Plan, auf welchen (Um)Wegen ich dort hingelangen und welche Länder ich darüber hinaus bereisen werde, ist noch ungewiss. Auf jeden Fall möchte ich die Strecke auf dem Land- und Seeweg zurücklegen. Das ist mir wichtig, denn wie ich in den vorherigen Einträgen schon schrieb, haben Flugzeuge für mich wenig mit wahrem Reisen zu tun.

In Kolumbien will ich endlich die Familie meines Freundes Jorge kennenlernen. Über 4 Jahre sind wir jetzt zusammen und wir haben es tatsächlich noch nicht einmal nach Kolumbien geschafft. Es hat sich einfach nicht ergeben, da uns anscheinend immer die Zeit für einen angemessen langen Aufenthalt fehlte. Wenn wir schon den weiten Weg nach Südamerika zurücklegen, wollen wir auch mindestents ein paar Monate bleiben.

Mit dem Segelboot über den großen Teich


Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal vom „boat hiking“, dem trampen per Boot, erfahren habe, stand für mich fest, dass ich den Atlantik unbedingt einmal auf diese Weise überqueren wollte. Am Besten in einem Segelboot, weil es mir als eines der natürlichsten und nachhaltigsten Fortbewegungsmittel erscheint. In den letzten Jahren begegnete ich dann immer wieder Menschen, die genau das gemacht haben und mich dazu ermutigten, es auch zu probieren. So war es also nur noch eine Frage der Zeit bis ich mich endlich auf den Weg mache.

Nun scheint der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein. Jorge ist gerade von einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt in Usbekistan zurückgekommen, wo er für eine internationale NGO gearbeitet hat. Jetzt hat er einige Monate frei, bevor es zu seinem nächsten Einsatz geht. Ich habe vor einigen Monaten mein Studium beendet und bin glücklicherweise noch nicht ins Hamsterrad des Berufslebens eingestiegen. Und habe das auch erstmal nicht vor. Anstatt irgendeinen Job zu machen, nur um Geld zu verdienen, möchte ich meine Zeit, also mein Leben, lieber einer Sache widmen, die mich wirklich mit Freude erfüllt. Nur weiß ich leider noch nicht genau, was das für eine Sache ist. In den vergangenen Monaten in Berlin war ich auf der Suche danach. Ich habe unterschiedliche Dinge ausprobiert, ein bisschen gejobbt und erste journalistische Gehversuche gemacht. Aber aus irgendeinem Grund bin ich an einem bestimmten Punkt nicht mehr weitergekommen. Ich habe das Gefühl, dass ich die Sicherheit meiner gewohnten Umgebung für eine Weile verlassen, meinen Kopf wieder mit neuen Ideen füllen und mich von fernen Orten und unbekannten Menschen inspirieren lassen muss. Ich hoffe, dass mir diese Reise dabei helfen kann, herauszufinden, wie ich leben will und welcher Sache ich mich voll und ganz widmen möchte.

Meine momentane Ungebundenheit ermöglicht mir die schönste Form des Reisens: Ich habe keinen Termin, zu dem ich zurück sein muss. Keinen Zeitdruck, keine Limitierungen. Ich kann mich voll und ganz auf das einlassen, was mir unterwegs begegnet und mich vom Leben überraschen lassen. Meine Berliner Wohnung habe ich zwar erstmal nur bis Ende März untervermietet, aber gleichzeitig weiß ich, dass ich relativ problemlos auch von unterwegs via Internet eine neue Untermieterin oder Untermieter finden würde. Das Schöne an Großstädten ist, dass man meist relativ problemlos auch kurzfristig Untermieter findet, sodass man während längerer Reisen nicht zuhause weiterhin Miete zahlen muss, nur um die Wohnung zu halten. Auf Websites wie www.wg-gesucht.de kann man WG-Zimmer und kleinere Wohnungen zur Zwischenmiete anbieten und schnell Interessierte finden.

Segel-Training auf dem Wannsee


In Vorbereitung und Vorfreude auf die Reise habe ich bereits im letzten Sommer einen Segelkurs auf dem Berliner Wannsee gemacht. Das mag etwas lachhaft klingen, sich auf dem Wannsee auf eine Atlantiküberquerung vorbereiten zu wollen, ist aber so blöd nicht. Denn anscheinend ist es  schwieriger auf einem See zu segeln als auf dem Meer. Auf den Binnengewässern dreht nämlich der Wind viel häufiger, während er auf hoher See meist kontinuierlich aus einer Richtung bläst. Das ist sehr entspannend, denn dann braucht man nur die Segel einmal richtig setzen und kann dann für eine Weile die Fahrt genießen. Im Binnengewässer muss man dagegen ständig aufpassen und die Segel dem veränderten Wind anpassen. Kommt dann eine unerwartete Windböe auf, liegt man ganz schnell im Wasser. Mit dem Kentern habe ich in dieser Zeit viele Erfahrungen gemacht und sogar das eiskalte Aprilwasser überlebt. Ich bin also bestens auf widrige Bedingungen vorbereitet.

Günstige Segelkurse kann übrigens jede/r über die Universitäten buchen. Zumindest ist das in Berlin so, müsste aber auch in anderen Städten möglich sein. Externe zahlen zwar einen etwas höheren Preis als Studierende der jeweiligen Unidversität, es ist aber immer noch viel günstiger als einen Kurs bei einem privaten Anbieter zu belegen. Ich habe meinen Kurs zum Beispiel im Wassersportzentrum der Freien Universität Berlin gemacht.

Die große Atlantik-Rally


Die beste Reisezeit um von Europa nach Südamerika zu segeln ist von September bis Januar, da dann die Winde in die entsprechende Richtung wehen. Zu dieser Zeit hat man die besten Chancen, ein Segelboot für die Atlantiküberquerung zu finden. Sowohl von Frankreich aus als auch Südspanien, von den kanarischen Inseln sowie dem afrikanischen Senegal verlassen die Boote die Häfen diesseits des Atlantiks, um in die neue Welt aufzubrechen. Die meisten Boote segeln in Las Palmas, der Hauptstadt der größten kanarischen Insel Gran Canaria, los. Das ist auch der Starthafen für die Atlantic Rally for Cruisers, eine große Regatta, die jedes Jahr Ende November stattfindet. Dann verlassen um die 200 Boote gemeinsam den Hafen in Las Palmas, um zu der karibischen Insel Saint Lucia vor der Küste Venezuelas zu segeln. Zu keiner Zeit verlassen mehr Boote den größten Yachthafen des kanarischen Archipels. Zweifelsohne also eine gute Zeit, um nach einer Mitfahrgelegenheit auf einem Segelboot zu suchen. Es ist allerdings auch die Zeit, zu der besonders viele Menschen genau dasselbe versuchen werden.

Dieses Jahr werden also auch Jorge und ich unter den Suchenden sein. Wir hoffen, dass wir spätestens Mitte November in Las Palmas eintreffen: Sollten wir einen Platz auf einem der teilnehmenden Boote ergattern, wären wir bereits Mitte Dezember in der Karibik. Darauf können wir uns aber nicht verlassen. Es werden wohl viele Menschen nach einer Mitfahrgelegenheit suchen und die meisten Boote nehmen vor allem während der Regatta verständlicherweise lieber erfahrene Segler mit an Bord. Jorge hat noch gar keine Segelerfahrung, aber wer weiß, vielleicht kann ich ja doch mit meinem Segelschein für die berlin-brandenburgischen Binnengewässer ein klein wenig punkten. Wenn nicht müssen wir uns eben in Geduld üben und weitersuchen. Irgendjemand wird uns schon mitnehmen. Irgendwann.

Die nächsten 2-3 Monate bevor wir in See stechen, werden wir in Spanien, Portugal und Marokko verbringen. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit, denn sie ermöglicht es uns wirklich langsam zu reisen und den Weg nach Südamerika ganz bewusst zu genießen. Schließlich ist beim Reisen wie auch im Leben der Weg wichtiger als das Ziel. Auf der iberischen Halbinsel haben wir auch noch einiges vor, aber davon werde ich später noch berichten.

Von Berlin nach Madrid per Anhalter


Unser erstes Ziel ist die spanische Hauptstadt. In Madrid sind Jorge und ich uns vor über vier Jahren das erste Mal begegnet. Jorge hat fünf Jahre und ich habe fünf Monate in Madrid gelebt. Beide wollen wir unsere ehemalige ‚Heimat‘ wiedersehen. Unglaubliche dreieinhalb Jahre ist es her, dass wir dort waren. Ich werde dann Mitte September in einer kleinen Stadt in der Nähe von Madrid - Ávila - einen 10-tägigen Vipassana–Meditationskurs machen. Jorge steht momentan noch auf der Warteliste. Es ist also noch nicht sicher, ob wir das gemeinsam machen werden.

Über die Vipassana-Meditation schreibe ich dann das nächste Mal mehr. Jetzt steht erstmal die Reise nach Madrid an. Wir haben uns entschieden per Anhalter zu fahren, weil das für uns beide eine der spannendsten Arten des Reisens ist. Es mag manchmal etwas anstrengend und unbequem sein, sich bei jeder Wetterlage an die Straße zu stellen und zu hoffen, dass jemand anhält und einen mitnimmt. Meistens wird man aber für diese Mühen reichlich belohnt. Auf diese Weise begegnet man den ungewöhnlichsten und interessantesten Menschen. Oft sind es Leute, mit denen man sonst nie Kontakt aufgenommen hätte, weil sie zum Beispiel einem ganz anderen Milieu, einer anderen Altersklasse oder ähnlichem angehören. Diese Art des Reisens ermöglicht es, mit den unterschiedlichsten Menschen des jeweiligen Reiselandes in Kontakt zu treten und auf diese Weise so viel mehr über das Land zu erfahren.

Wenn man sich auf wildfremde Menschen verlassen muss, ist man dazu gezwungen, offen zu sein und sich auf sie einzulassen. Es ist eine schöne Praxis, die uns Vertrauen in das Leben und unser Mitmenschen lehrt. Das Reisen per Anhalter erfordert völliges Vertrauen auf beiden Seiten. Der Inder Satish Kumar, der Anfang der 60er Jahre ohne einen Cent in der Tasche von Ghandis Grab  in Indien nach Moskau, Paris, London und Washington D.C. - die Hauptstädte der damaligen Atommächte - pilgerte, um gegen Nuklearwaffen zu protestieren, sagte in einem Interview sinngemäß: Wenn Angst zu Krieg führt, dann müsse Vertrauen Frieden bringen. Das Trampen ist nicht einfach ein billiges Transportmittel für Leute mit kleinem Budget, die außerdem nach Abenteuern suchen. Es ist eine Praxis, die eine neue Kultur des Vertrauens schaffen kann. Sie stellt der ungesunden Angst unserer Zeit, dem Argwohn und Misstrauen zwischen den Menschen, Vertrauen, selbstloses Handeln und gegenseitige Unterstützung gegenüber. Sie durchbricht die Logik unseres Wirtschaftssystems, das für jeden Gefallen eine Gegenleistung erwartet.
„Wenn man allerdings genug Geld hat und nicht auf die Hilfe anderer angewiesen ist, kann man um die ganze Welt fahren, ohne einem einzigen Einheimischen zu begegnen, außer denjenigen, die einen bedienen.“ Dan Kieran 
Es kann durchaus hinderlich sein während einer Reise zu viel Geld zur Verfügung zu haben. Wir werden viel zu bequem. Wir können alles käuflich erwerben und müssen uns nicht die Mühe machen, uns für andere Menschen zu öffnen und auf Fremde einzulassen. Das ist im ersten Moment bequem, aber uns entgeht so furchtbar viel. Das Reisen verliert durch die Bequemlichkeit seinen eigentlichen Sinn. Wir sind gar nicht bereit mit den Orten, die wir bereisen, und den Menschen, die dort leben, in Kontakt zu treten und wirklich in die Tiefe zu gehen, weil es anstrengend ist und manchmal auch Mut erfordert.
Das scheinbare Manko eines kleinen Budgets (oder auch des Reisens ohne Geld) zwingt uns dagegen dazu, uns auf andere Menschen einzulassen, um Hilfe zu bitten und unsere einschränkende Bequemlichkeit und Verschlossenheit gegenüber Fremden zu überwinden. Das berreichert die Reiseerfahrung enorm, macht sie lehrreicher und authentischer.

Leider sind Jorge und ich auf unserer Reise nach Madrid zeitlich ein wenig eingeschränkt, da mein Meditationskurs bereits am 10.09. beginnt. Da wir nun unsere Abfahrt schon um 2 Tage verschoben haben, sind wir nun ein bisschen spät dran. Andererseits war es auch schön, die Freiheit zu haben, den Termin einfach zu verschieben und uns die Zeit zu nehmen, die wir brauchen. Das wäre kaum möglich gewesen, hätten wir einen Flug gebucht.
Morgen, am Mittwoch dem 04. September 2013, geht es aber definitiv los. Es ist ein bisschen schade, dass wir nun nur sechs Tage für die Reise haben und keine längeren Stopps auf dem Weg einlegen können. Aber der Kurs ist mir diesmal wichtiger. Ausserdem bin ich die Strecke schon einmal vor vier Jahren per Anhalter gefahren und habe mir damals reichlich Zeit gelassen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in Frankreich und Deutschland zügig vorankommen werden. In Spanien ist das Trampen erfahrungsgemäß etwas schwerfälliger. Eventuell werden wir dort auf den Bus umsteigen, damit wir es noch rechtzeitig schaffen. Im nächsten Blogeintrag berichte ich dann, wie unsere Reise nach Madrid verlaufen ist. 

Dienstag, 27. August 2013

The Journey of Life


"Der Mensch ist immer auf Entdeckungsreise gewesen, seit er zum ersten Mal den Drang verspürte, Afrika zu verlassen und sich auf der Welt zu verbreiten." Dan Kieran

Seit Urzeiten brechen Menschen auf, um fremde Orte zu entdecken. Ganz unterschiedliche Motive treiben uns seit jeher dazu, die Sicherheit der Heimat aufzugeben und uns dem Ungewissen auszusetzen. Sie sind sicher nicht immer nobel und reichen von Eroberung und Unterwerfung fremder Gebiete und Kulturen über Religion, Erwerb und Weitergabe von Bildung sowie Handel. Kaum jemand wäre in den vergangenen Jahrhunderten auf die Idee gekommen zwecks Entspannung oder Erholung zu verreisen, denn vor noch gar nicht allzu langer Zeit war das Reisen vor allem mühsam und beschwerlich. Das englische Wort ‚travel‘ stammt von dem französischen Wort für Arbeit ‚travail‘ ab. Dieses geht wiederum auf das lateinische Wort ‚trepalium‘ zurück, das ein dreizinkiges Folterinstrument bezeichnet. Die Wortherkunft verrät nur allzu deutlich, welche extremen Strapazen die frühen Reisenden in Kauf nahmen. Wer sich dieser „Folter“ aussetzte verfolgte ein ganz bestimmtes Ziel, z.B. Eroberung, aber auch ökonomisches oder persönliches Wachstum. Dieser Aspekt des Reisens als Teil der individuellen Entwicklung oder persönlichen Vervollkommnung, als Schule des Lebens, scheint dem modernen Reisen größtenteils abhandengekommen zu sein.

In unserer Gesellschaft sind Reisen immer öfter eine reine Handelsware, die als Trostpflaster für ein langweiliges Leben verkauft werden. Urlaub und Reiseerlebnisse trösten uns genauso wie Alkohol, Shopping, Partys, maßloses Essen und zwanghafter Sex über den ungeliebten, oft als sinnlos empfundenen Alltag hinweg. Es ist ein Wegrennen auf Zeit vor den eigenen Konflikten, Problemen und Schwierigkeiten. Auf diese Weise entfliehen wir der anstrengenden Aufgabe, uns mit uns selbst und dem Leben, das wir führen, auseinandersetzen. Den oft als leer und stumpfsinnig empfundenen Alltag könnten wir ohne diese regelmäßigen Auszeiten nicht bewältigen. Diese Form des Reisens hat ihre Daseinsberechtigung in einer Welt, in der das Arbeitsleben eine Qual ist und das wahre Leben erst nach Feierabend oder eben im Urlaub beginnt. Kann das aber ein gutes Leben sein?

„Anstatt uns dem komplizierten Projekt zu widmen, gut zu leben, neigen wir dazu, uns für ein Dasein in Arbeit und Langeweile zu entscheiden, das von hyperdynamischen Erlebnissen unterbrochen wird, die wir von einer Liste abhaken können.“ - Tom Hodgkinson

Im Gegensatz dazu können wir aber auch unser ganzes Leben als Reiseerfahrung betrachten. Der Begriff Reise bezeichnet nicht nur eine physische Fortbewegung, sondern kann auch metaphorisch für eine persönliche Entwicklung stehen und den Wandlungsprozess eines Menschen beschreiben. Die Reise ist dann ein Bild für das Leben eines Menschen, das die Persönlichkeitsformung zum Ziel hat. Da sie metaphorisch für unser Leben steht ist die physische Reise ein häufiges Motiv in Literatur und Kunst.

Joseph Campbell’s Heldenreise


Was haben Apoll, der Froschkönig, Wotan, Krimhild und Buddha gemeinsam? Ihre Geschichten verlaufen nach einem ähnlichen Muster und fußen auf einer Urgeschichte: der Reise des Helden. Diese Urgeschichte ist älter als Stonehenge oder die Pyramiden. Ihre strukturellen Elemente finden sich in mehr oder weniger ausgeprägter Form in allen Mythen, Sagen, Märchen und religiösen Geschichten der Welt. Das fand der US-amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell heraus, indem er zahllose Geschichten unterschiedlicher Kulturen und Zeiten sichtete und auf Gemeinsamkeiten abklopfte. Die einheitliche, archetypische Grundstruktur taufte er "Heldenreise". Es ist eine Geschichte mit der wir uns alle, egal woher wir kommen oder zu welcher Zeit wir leben, identifizieren können. Diese Gemeinsamkeit lässt auf die Allgemeingültigkeit bestimmter psychologischer Grundsituationen schließen, die alle Menschen durchlaufen. Man könnte sie als archetypische Geschichte des Lebens bezeichnen.

Kurz und knapp beschreibt Campbell die Heldenreise in seinem 1949 erstmals unter dem Titel The Hero With A Thousand Faces erschienen Werk:

„A hero ventures forth from the world of common day into a region of supernatural wonder: fabulous forces are there encountered and a decisive victory is won: the hero comes back from this mysterious adventure with the power to bestow boons on his fellow man.”

Die Heldenreise ist eine Geschichte der Transformation, der Initiation, des Erwachsenwerdens. Ein Individuum, der Heros, wird aus seiner vertrauten Umgebung geworfen oder gelockt. Nach anfänglichem Zögern begibt er sich auf eine Reise, seinem Herzen und seiner Intuition, oft auch der Ermutigung eines Mentors folgend. Unterwegs begegnen ihm Hindernisse, Proben, Verbündete und Feinde. Der Held nährt sich der äußersten Prüfung, die er bestehen muss, um die Belohnung zu erhalten. Daraufhin kehrt er geläutert und weiser in die Alltagswelt zurück, um den erworbenen Schatz oder das Lebenselixier, z.B. in Form von neuem Wissen, an seine Mitmenschen weiterzugeben.

Campbell zufolge spielt sich die Heldenreise im Kleinen im Leben jedes Individuums ab. Es geht darum das einzigartige Potential, welches jedem Menschen innewohnt, zu entfalten. Campbell ermutigte seine Leser und Zuhörerinnen, sich stets voll und ganz der Sache zu widmen, die uns am glücklichsten macht und dieser Sache – ganz egal, welche Hindernisse auftauchen – bedingungslos zu folgen. Campbell bringt das in der simplen Formel: „Follow your bliss“ auf den Punkt und fährt fort: „and the universe will open doors where there were only walls.“ Wenn wir unserer Freude bzw. unserem Herzen folgen geschehen magische Dinge. Wenn uns unsere Tätigkeiten mit wahrhafter Freude erfüllen, dann fühlen wir uns lebendig und das ist Campbell zufolge der Sinn des Lebens: dass wir uns lebendig fühlen, völlig im Einklang mit unserem Leben und den Tätigkeiten, denen wir uns widmen. 



Meist entspricht das, was uns mit der größten Freude erfüllt, unseren natürlichen Talenten und Anlagen. Wenn wir diesen folgen entgegen aller Ängste, Hindernisse und gesellschaftlichen Erwartungen können wir uns am Produktivesten in diese Welt einbringen. Jemand, der das lebt, wofür er oder sie brennt, ist immer erfolgreich und dem gelingt vieles. Campbell meinte, jeder Mensch habe eine besondere Begabung. Es kommt nur darauf an sie zu entdecken.

Die Mythen lehren uns auf dieser Suche, dass wir über unsere Grenzen, nämlich das was wir für möglich halten, hinausgehen sollten. Oft sind wir selbst unser größtes Hindernis. Unsere Ängste halten uns davon ab, uns zu verwirklichen. In den Mythen werden Ängste oft als Drachen dargestellt. Wenn wir diese erfolgreich bekämpfen, kann aus einem unbefriedigenden Dasein ein erfülltes Leben werden.

Der amerikanisch-japanische Filmemacher Patrick Takaya Solomon hat einen Film über die Heldenreise gedreht, der sehr eindringlich verdeutlicht, was sie für unser eigenes Leben bedeutet. Der Film ist 2011 unter dem Titel Finding Joe erschienen. Hier ist der Trailer der deutschen Version:



Individuation nach Carl Gustav Jung


Zweifelsohne war Campbell von der analytischen Psychologie seines Zeitgenossen Carl Gustav Jung beeinflusst. Dessen Konzept der Individuation zeigt deutliche Gemeinsamkeiten mit der Entwicklung des Helden auf seiner Reise.

Individuation nach Jung beschreibt den Prozess des Ganzwerdens zu etwas Einzigartigem, einem Individuum. Dieser Prozess beinhaltet die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten. Ziel des Individuationsprozess ist es, im Laufe des Lebens immer mehr der oder die zu werden, die wir eigentlich sind, immer echter, immer mehr wir selbst, immer stimmiger mit uns selbst. Dann, so Jung, sind wir gesund und erleben unser Leben als sinnvoll. Als Symbol für den Individuationsprozess verwendete Jung das Bild von einem Samen und dem daraus wachsendem Baum: Aus einer Eichel muss eine Eiche werden, sie kann sich nicht entscheiden, zu einer Buche zu werden. Ein Mensch hingegen kann aber etwas leben, das nicht zu ihm passt. Es bekommt aber den Wenigsten. Die Eichel wird sich, je nachdem wo sie hingefallen ist, anders entwickeln. Eine für sie gute Umgebung wird es ihr ermöglichen, zu einem stabilen Eichbaum zu werden. Erst die ausgewachsene Eiche - und das ist ein sehr langer Prozess - ist Ausdruck davon, was im Samen angelegt war.

Jung war der Erste, der eine Entwicklung bis zum Tod postulierte. Für ihn war der Individuationsprozess vor allem der Entwicklungsprozess in der zweiten Lebenshälfte. In der ersten Lebenshälfte verfolge der Mensch vor allem soziale Ziele: Beruf, Beziehung, Familie und Ansehen. Die einseitige Konzentration auf dieses Ziel, vor allem wenn sie sich in der zweiten Lebenshälfte fortsetzt, gehe aber auf Kosten der "Totalität der Persönlichkeit". In dieser Einseitigkeit sah Jung beispielsweise die Ursache für Depressionen. Dahinter vermutete er "Leben, das auch hätte gelebt werden können". Jung meinte, die Langlebigkeit der Menschen müsse einen Sinn haben, der "Lebensnachmittag" könnte nicht nur ein klägliches Anhängsel des Vormittags sein. Jung betrachtete den Individuationsprozess als einen lebenslangen, unvollendbaren Prozess mit einer stetigen Annährung an ein fernes Ziel, das Selbst, dessen letztendliche Grenze erst der Tod sei.

Der Mensch müsse also über das Verfolgen sozialer Ziele hinauswachsen, um ein ‚ganzer Mensch‘ zu werden. Ein Individuum also, das das in ihm angelegte Potential voll entfaltet und infolge dessen ein glückliches, sinnerfülltes Leben führt. Individuation erfordert häufig die Bewältigung eines Konflikts, da wir uns über die Normen und Wertevorstellungen anderer (z.B. der Eltern) hinwegsetzen und zu eigenen Werten und Normen finden müssen. In diesem Prozess müssen wir die Erwartungen anderer enttäuschen, Verbote übertreten und ungesunde Anpassung überwinden.

Ein sehenswerter Film, der Jung’s Konzept der Individuation am ‚Lebensnachmittag‘ umsetzt ist The Shift – From Ambition to Meaning. Den Film kann man sowohl in der englischen Originalfassung als auch in deutscher Synchronisierung kostenlos im Internet anschauen.
Hier der Trailer, den es leider nur auf Englisch gibt:


Und der ganze Film auf Deutsch:



Die Reise als Entwicklungsprozess


Was bedeuten diese Konzepte nun für das Reisen, insbesondere das langsame Reisen?

Wenn wir das Reisen nicht einfach als einen bestimmten Zeitraum betrachten, den wir als Jahresurlaub bezeichnen und der einzig dem Zweck dient, uns von unserem anstrengenden, weil als sinnlos empfundenen Alltag zu erholen oder abzulenken, dann kann das Reisen zu einem integralen Teil unseres ganz persönlichen Lebensweges werden. Es kann uns dabei helfen zu einem gesunden Ganzen, einem einzigartigen Individuum zu werden. Wenn wir uns auf eine wirklich intensive Reise begeben, die auch eine angemessen lange Zeitspanne umfasst, dann gewinnen wir Abstand zu dem Leben, das wir führen und können besser erkennen, ob das wirklich unser Leben ist oder ob wir bisher nur gelebt haben, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Wir können unsere Werte überprüfen und uns fragen, ob sie dazu beitragen ein wirklich glückliches, sinnerfülltes Leben zu führen. Wir können schauen, wie Menschen in anderen Teilen der Welt leben, nach welchen Werten sie leben und uns davon inspirieren lassen.

Außerdem hilft uns das Reisen dabei, mehr im Augenblick zu leben und die Umwelt bewusster wahrzunehmen. In unserem gewohnten Umfeld neigen wir oft dazu, automatisch zu funktionieren und uns für die kleinen und großen Wunder, die ständig um uns herum geschehen, zu verschließen. Das langsame und bewusste Reisen kann uns die Faszination für das Leben wiedergeben. In einer fremden Umgebung sind wir viel aufmerksamer, nehmen alles intensiver wahr und können wie kleine Kinder über das Wunder Leben staunen. Auf diese Weise entdecken wir die Neugier für das Leben wieder. Wir werden uns auch bewusster über uns selbst, unsere eigenen Hoffnungen und Wünsche. Längst vergessene Träume gelangen so wieder an die Oberfläche. Die Distanz hilft zu begreifen, was uns im Leben wirklich wichtig ist und ein wenig mehr zu verstehen, wer wir wirklich sind und warum wir hier sind. Es ist faszinierend, was ein geschärftes Bewusstsein aufgrund der veränderten, ungewohnten Umgebung bewirken kann. Wenn wir ganz großes Glück haben, können wir die wiedergewonnene Faszination, Neugier und Bewunderung für das Leben auch nach der Rückkehr beibehalten. Das sollte auch das Ziel sein, denn die meisten von uns können und wollen nicht immer unterwegs sein, nicht ständig mit Neuem konfrontiert werden. Und was am Anfang neu und aufregend ist, wird irgendwann auch ermüdende Routine.

Das Reisen ist also insbesondere dann hilfreich, wenn wir uns in unserem Leben festgefahren fühlen und nicht genau wissen, wie wir unsere Situation verändern können und was genau wir eigentlich wollen. Für die meisten Menschen ist das auch meist der Anlass für eine längere Reise. Intuitiv ahnen wir, dass uns der Abstand am ehesten weiterhelfen und unsere Fragen beantworten wird. Nicht umsonst ist die Heldenreise ein so beliebtes Motiv in den Geschichten der unterschiedlichsten Kulturen rund um den Globus. Wir alle identifizieren uns mit ihr und wünschen uns, unsere tiefsten Ängste zu überwinden, um unser volles Potential zu entfalten. Die physische Reise ist dabei so hilfreich, weil sie uns zwingt, unser gewohntes Umfeld, unseren natürlichen „Sicherheitsbereich“ zu verlassen. Oftmals erfordert eine lange Reise, bestimmte Sicherheiten, z.B. den Job, aufzugeben. Häufig begeben wir uns allein auf den Weg, was außerdem die beste und sicherste Methode ist, um sich wirklich weiterzuentwickeln und mehr über sich selbst zu erfahren. Das erfordert Mut. Aber ich glaube, dass uns das Leben für diesen Mut, die Überwindung unserer Ängste immer belohnt. Wenn wir ein kleines bisschen Mut aufbringen und über unseren eigenen Schatten springen, wird uns das Leben doppelt und dreifach dafür belohnen. Zumindest ist das die Erfahrung, die ich vor allem mit dem allein reisen bisher gemacht habe. Ich habe es allerdings nie als Mut empfunden, sondern als Vertrauen. Ein tief verankertes Urvertrauen, dass mich das Leben belohnen wird, wenn ich meiner Intuition und meinem Herzen folge. Und so war es auch.

Ich glaube, gerade wenn wir mit einer ganz bestimmten Intention reisen, z.B. die Antwort auf eine konkrete Frage suchen, haben wir die besten Chancen fündig zu werden. Denn wenn wir einer ganz bestimmten Absicht folgen, werden wir Dinge, die damit in Verbindung stehen, anziehen. Wir werden Personen begegnen, die uns neue Perspektiven auf das Gesuchte ermöglichen und Erfahrungen machen, die uns neue Aspekte unserer Frage aufzeigen. Vielleicht haben wir am Ende keine eindeutige Antwort, aber doch eine neue, frische Sicht auf das Gesuchte und zahlreiche Einsichten, auf die wir vorher nicht gekommen wären.